Wenig Schlaf und zu wenig Tempo – Hamburg Marathon 2015 Teil 2

Wenig Schlaf und zu wenig Tempo – Hamburg Marathon 2015 Teil 2

Morgens halb 6 bei Hamburg

Fantastisch. Der Wecker sollte kurz nach sechs klingeln. Jetzt liege ich bereits um halb sechs wach. Nach ein paar Minuten gebe ich auf und krieche aus dem Bett. Alles liegt vorbereitet am Platz. Ich hätte noch knapp 45 Minuten schlafen können, aber irgendwie war mein Körper schon im Laufmodus. Oder schon nervös. Vermutlich beides. So lasse ich mir mehr Zeit als gewünscht bei den Vorbereitungen, und begebe mich überpünktlich zur Bahn. Kurze Zugfahrt, kurze U-Bahnfahrt und dann warten auf die Kolleginnen und Kollegen fürs Gruppenfoto. Danach beginnt ein etwas längerer Marsch, weil die Kleiderbeutelabgabe nicht von den normalen Startblöcken aus erreichbar ist. Komische Planung, aber letztlich egal, da ich genug Zeit habe.

Der Startbereich, eine Stunde vor Rennbeginn.

Der Startbereich, eine Stunde vor Rennbeginn.

Pünktlich um 08:50 Uhr stehe ich in meinem Startblock. Um 08:55 Uhr ist mir so warm, dass ich den mitgebrachten Plastiküberzug ausziehe, außerdem ist es bisher trocken. Um 08:57 Uhr beginnt der Regen. Egal, ein gutes Omen, schließlich hatte es im Vorjahr ebenfalls leicht beim Start geregnet.

Frühstart vorm Messpunkt

Direkt nach dem Startschuss wird gejubelt – dann gewartet. Schließlich setzt sich der Tross der Teilnehmer langsam in Bewegung. Dann plötzlich, eine Lücke! Um mich herum wird es hektisch, fast alle laufen los, dabei sind es immer noch knapp 100 Meter bis zum Start. Ich gehe weiter, und weiß 30 Meter danach auch warum. Wir stehen wieder. Dann erneut langsames Gehen, und schließlich fängt der Lauf an. Das Piepen der Zeitmessanlage, und dann beginnt für mich der 30. Hamburg Marathon, meine persönliche Nummer vier in der Hansestadt.

Mottoshirts als Zeitvertreib

Schnell zieht das Feld sich etwas auseinander, und ich finde mein Tempo. 5:10 Minuten pro Kilometer sollen es sein. So lange wie möglich. Direkt auf den ersten Metern sehe ich meine beiden „Fans“, und dann bin ich alleine für die nächsten elf Kilometer. So alleine wie man mit ca. 15.000 anderen Teilnehmern sein kann. Doch eben jene Tausende anderen Läufer sind auch erstmal meine Abwechslung für den Anfang der Strecke. Vorne links läuft jemand als König verkleidet, mit Mantel, Zepter und Krone. Bei diesen Verkleidungen stelle ich mir immer die Fragen, welche Wette wohl im Vorfeld verloren wurden, und ob derjenige das auch bis zum Schluss durchhält (Auflösung am Ende des Blogeintrags).

Direkt vor mir ist eine Läuferin mit dem Spruch „Can you follow me?“ auf ihrem Laufshirt – im Moment ja. Das liegt auch daran, dass die Straße jetzt in Altona etwas enger wird, und Überholen schwierig ist. Eine Staffel hat als Motto „Wir laufen bis wir Pferde kotzen sehen.“ Ich hoffe das bleibt mir erspart, oder die Huftiere verziehen sich in die Büsche. So wie die Läufer an der Elbchaussee, die sich rechts kurz in die kleinen Parks schleichen. Diesen Drang hatte ich noch nie. Vielleicht ist aber auch genau diese Erleichterung der Schlüssel zu einer schnelleren Zeit. Heute werde ich es nicht erfahren, sondern laufe weiter im geplanten Schnitt.

Tolle Stimmung an den Landungsbrücken

Tolle Stimmung an den Landungsbrücken

Fans auf dem Doppeldecker

Kilometer zehn ist erreicht, und bei 51:39 Minuten bin ich auf die Sekunde genau im Zeitplan. Auf dem kurzen Stück bergab Richtung Fischmarkt werde ich zu schnell(wie immer), aber der kleine Anstieg auf der Hafenstraße fängt mich sofort ein. Trotz des wieder leicht beginnenden Regens, stehen in diesem Streckenbereich die Zuschauer in mehreren Reihen dicht gedrängt. Ich habe ein wenig Sorge, dass ich am zweiten Treffpunkt vorbeilaufe, aber meine Unterstützerinnen haben sich strategisch günstig auf einem Doppeldeckerbus der Stadtrundfahrt platziert. Ein kurzes Winken, und die Hoffnung, dass ich bei KM 24 noch ähnlich gut drauf sein werde.

Wenig Später biegt das Feld ab in den Wallringtunnel. „Jetzt bloß keinen Fehler machen“, denke ich, „nicht plötzlich komplett entspannen und auf einen langsamen Schritt umschalten.“ Allerdings sollte ich auch nicht zu schnell werden, doch genau das passiert offensichtlich. Irgendwo in der Mitte des Tunnels lasse ich mich dazu hinreißen zu beschleunigen. Die KM 15-17 laufe ich mit einem 4:50er Schnitt. Klingt nicht nach viel mehr, aber im Nachhinein war das wohl einer der Faktoren für meinen stetigen Tempoabfall in der zweiten Hälfte. So richtig merke ich das aber noch nicht. Rund um die Binnenalster und auf der Lombardsbrücke lenken mich die Wechselzone der Staffeln und die schöne Kulisse ab. Leider sehe ich keine der Staffeln meiner Betriebssportgruppe.

Die Beine melden sich

Parallel zur Alster merke ich aber deutlich die Oberschenkel. Was bis hierhin noch ein lockeres Läufchen war, wird plötzlich anstrengend. Die leichten Wellen in der Strecke kommen mir fast wie echte Steigungen vor. Ich passiere zwar bei knapp 1:49 Stunde die Halbmarathonmarke, doch mir ist bereits jetzt klar, dass ich das Tempo nicht mehr wirklich lange halten kann. Wenigstens bis Kilometer 24 will ich aber noch kämpfen, da ist der nächste Treffpunkt mit meinen „Fans“. Bisher war es auch immer so, dass ich relativ konstant langsamer geworden bin. Heute ist das irgendwie anders. Nach dem Treffpunkt breche ich wirklich etwas ein. Für KM 26 brauche ich schon fast 6 Minuten, und ich habe auch innerlich keine große Lust mehr auf einen Kampf um Sekunden. Es passt heute nicht, und dann lasse ich es auch sein.

Viel Kampf und immer langsamer

Viel Kampf und immer langsamer

Kilometer 29 übersehen, Freude!

Bis KM 31 (Treffpunkt) 4 laufe ich so ein bisschen wie in Trance. Es herrscht innerlich die große Leere. Für einen Lichtblick sorgt nur das blaue Kilometerschild 29 auf der Straße. Ich hatte keine Lust zwischendurch auf die Laufuhr zu schauen, um nicht durch das „Tempo“ deprimiert zu werden. Das führt dazu, dass ich einen ganzen Kilometer verschlafen habe. Meiner Rechnung nach war es erst KM 28. Am weiteren Treffpunkt ringe ich mich zwar noch zu einem Lächeln durch, aber ich bin auch so ehrlich kurz „Lasst euch Zeit, ich werde nicht mehr schneller“, zu rufen.

Langsamer werde ich aber zum Glück auch nicht mehr. Irgendwo um die 6er-Marke pendelt sich der Schnitt ein. Zeit genug, sich jetzt die Zuschauer anzuschauen. Subjektiv sind es weniger als im letzten Jahr, und auch die Laune ist etwas gedämpft. Das ist aber objektiv auch verständlich. Es nieselt immer wieder, und die Temperaturen sind nicht gerade einladend. Wo im Vorjahr noch Frühstückstische mit Lautsprechern standen, sammelt sich 2015 das Wasser in Pfützen. Dennoch wieder großen Respekt an alle, die den Weg an die Strecke gefunden haben!

Viele fleißige Helfer an der Strecke!

Viele fleißige Helfer an der Strecke!

Großes Dankeschön an alle Helfer

Außerdem tut es mir immer sehr leid, dass man sich nicht bei den vielen kleinen und großen Helfern an den Erfrischungs- und Verpflegungsstellen entlang der Strecke bedanken kann. Ich versuche zwar bei jedem Becher und jedem Stück Banane auch ein „Danke“ zurück zu geben, aber das ist leider nur sehr wenig. Speziell bei dem Hamburger „Schietwetter“ in diesem Jahr, kann die Leistung der freiwilligen Helferinnen und Helfer nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die „Hammermarke“ bei Kilometer 35 auf der Alsterkrugchaussee passiere ich dann ohne Probleme. Das langsame Tempo kann ich ins Ziel bringen. Der vorletzte Treffpunkt ist außerdem noch einmal ein Highlight. KM 37 und genau der passende Song. „I would walk 500 Miles“, ist zwar in der Gesamtlänge etwas übertrieben, aber „walk“ passt auf jeden Fall eher als „run“. Ich begehe auch nicht den Fehler stehenzubleiben. Einige der anderen Teilnehmer sind mittlerweile dagegen deutlich an ihren Grenzen. So unfair das vielleicht klingen mag, aber auch das ist für mich auf den letzten Kilometern eine Hilfe: Die Erkenntnis keine Krämpfe zu haben, sich nicht massieren lassen zu müssen, oder außerhalb der Verpflegungsstellen Gehpausen einlegen zu müssen. Ich laufe diesen Marathon sauber zu Ende, und das macht Spaß, auch wenn der bei höherer Geschwindigkeit noch größer wäre. Da ich im Training aber nie über 30 Kilometer gelaufen bin, und auch die Tempodauerläufe nicht allzu oft auf dem Plan standen, kann ich mir zumindest erklären, warum es heute eben nur zum Durchlaufen reicht, und nicht zu mehr.

Hörschaden vorm Zieleinlauf

„So, jetzt ist es soweit“ denke ich dann knapp hinter dem Bahnhof Dammtor. Meine erste Verletzung bei einem Marathon. Kein Krampf, keine Zerrung und kein Muskelfaserriss – ein geplatztes Trommelfell sollte mich kurz vor dem Ziel zum Aufgeben zwingen. Jedenfalls fühlte es sich kurzzeitig so an, als ich bei KM 41 an der Mizuno-Station vorbeischleiche. Allerdings war ich auch selber schuld. Ich hätte schließlich auch etwas weiter Richtung Straßenmitte laufen können. Letztlich war mir das jetzt alles egal. Ich war schlichtweg zu faul, um einen kleinen Schlenker nach links zu machen, und dem Lärm aus der Musikanlage zumindest etwas zu entfliehen. Der starke Regen, der ab KM 39 eingesetzt hat, interessierte mich auch nicht mehr wirklich.

Etwas später umrundete ich die letzte Kurve, und flog rechts herum ab auf den roten Teppich. Der Ehrgeiz unter 3:55 Stunden bleiben zu wollen, beschleunigte meine Schritte, auch für mich selber irgendwie überraschend, doch noch einmal. Mit hochgerissenen Armen lief ich über die Ziellinie und stoppte meine Zeit. 3:54:41 Stunden – so richtig einordnen konnte ich das Ergebnis noch nicht. Zu frisch war die Erschöpfung und zu groß der Wunsch nach Verpflegung.

Verpflegungsbereich im Athletes Area

Verpflegungsbereich im Athletes Area

Köstliche Verpflegung und königlicher Endspurt

Mit Durst und aufkommendem Hunger ging ich Richtung „Athletes Area“. Ein großes Lob an für die Verpflegung! Wasser, Iso, alkoholfreies Weizenbier, Melonen, Bananen, Trauben, Äpfel, Schokoriegel, Müsliriegel, Brezel und noch einiges mehr stand den Athleten zur Verfügung. Etwas unglücklich allerdings, dass die Stände zwischen den Messehallen aufgebaut waren, und die Läufer damit buchstäblich im Regen stehen gelassen wurden. Als ich eine Viertelstunde später in der Dusche stand, war ich merklich durchgefroren und zitterte nicht vor Erschöpfung. Doch auch die Duschen waren erstens nicht überlaufen, und zweitens angenehm warm.

Frisch geduscht und mit sauberer und trockener Kleidung bediente ich mich noch einmal am „Buffet“ und schlug dann den Weg zum vereinbarten Treffpunkt nach dem Rennen ein. Dabei ging ich parallel zu den letzten eineinhalb Kilometern der Strecke entlang. Neben vielen erschöpften aber glücklichen Gesichtern, konnte ich auch einen wehenden roten Mantel entdecken. Der König machte sich auf zu seinem Endspurt, und ich klatsche aufmunternd und anerkennend in die Hände. Ein royaler Abschluss für meinen Hamburg Marathon 2015.

 

 

 

 

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2 Comments

hamburger

about 1 Jahr ago

Gut gemacht, aber eine "Alsterdorfchaussee" gibt es in HH nicht, da wären ein paar Eppendorfer ganz schön sauer ;)

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Lars.Mah

about 1 Jahr ago

Moin Hamburger, Danke für den Hinweis. Ich meinte die Alsterkrugchaussee. Gleich mal angepasst!

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