Hamburg Marathon – Wenn der Mann mit dem Hammer Pause hat!

Rückblende: Vor ein paar Wochen traf ich zufällig den Chef meiner Betriebssportgruppe Laufen im Treppenhaus. „Hast du die Mail zum Hamburg Marathon gelesen?“ „Ja, habe ich. Du kannst mich als Nachrücker für die Marathon-Staffel eintragen.“ Das Thema war also geklärt. Maximal 16,3 Kilometer auf einer der Staffel-Teilstrecken laufen, und dann schön die Zielverpflegung genießen. Soweit die Theorie. Praktisch wurde dann aber das „Staffel“ aus meiner Anmeldung gestrichen. „Ich habe da einen Platz als Nachrücker zu vergeben. Ist allerdings für den kompletten Marathon.“ Uff, da war ich erstmal kurz geschockt.

Jetzt ist der Marathon an sich für mich kein Neuland mehr. Den letzten hatte ich im Oktober in München absolviert. Allerdings war ich seitdem sage und schreibe ein (1!, ja EIN) mal über 20km am Stück gelaufen. Ansonsten war ich im Training nichts gelaufen, was man auch mit viel gutem Willen als „langen Lauf“ bezeichnen konnte. Ungefähr 600 km hatte ich in diesem Jahr trainiert. An sich keine schlechte Zahl, verglichen mit meinen Trainingskilometern vor meinem letzten Marathon in Hamburg (fast 1.100 Kilometer), war ich jedoch mehr ein Gelegenheitsjogger, als ein Langstreckenläufer. Aber was soll’s hatte ich mir gedacht. Läufst du eben nur locker und schaust, dass du halbwegs anständig ins Ziel kommst.

So ging es also am Sonntag frühmorgens los in die City. Ich hätte auch locker eine Stunde später fahren können, aber es musste ja noch ein Fototermin eingehalten werden. Schon mal merken für den Hungerast: „Die anderen von uns sind auch weiß mit blauer Schrift, so wie ich.“ Ein kurzer Plausch über die Zielzeiten, aber keiner wollte mit in meinen Startblock. Schade eigentlich.

Im Startblock war es dann doch wie immer. Nervöses Tippeln, „Hab ich an alles gedacht? Bin ich zu warm angezogen? Warum zieht der Oberschenkel jetzt schon?“ Läufersorgen vor dem Start.

Um kurz nach Neun ging es dann über die Zeitmessung an der Startlinie, der 29. Hamburg Marathon hatte auch für mich begonnen. Der erste Schock dann bei Kilometer einskommafünf. Irgendein „Talent“ hinter mir hatte entweder seine Flasche verloren, oder aber einfach mal ausgeschüttet. Auf jeden Fall klatschte mir eine Ladung Flüssigkeit an die linke Wade. Kurze Zeit später aber Entwarnung, der Schuh hatte nichts abbekommen und ich konnte trockenen Fußes weiterlaufen.

Danach waren die ersten zehn Kilometer recht entspannt. Ich hatte sofort meinen Rhythmus gefunden. Mein grobes Ziel war, bis ungefähr Kilometer 30 im Schnitt 5:30min pro Kilometer zu laufen. Das würde mir dann soviel Puffer geben, dass ich mich, nach dem erwarteten Einbruch, vielleicht noch unter vier Stunden ins Ziel retten könnte.

Das Wetter half kräftig mit. Es war kühl und bewölkt. Kein Vergleich zum Wetter beim Halbmarathon in Hannover vor einer Woche. Ich konnte sogar einige der Erfrischungsstationen auslassen, weil ich überhaupt keinen Durst verspürte. Die Verpflegungsstationen alle fünf Kilometer reichten vollkommen aus.

Das erste große Highlight war dann natürlich die Hafenstraße und daran anschließend der Weg vorbei an den Landungsbrücken und dem Baumwall. Ich musste nur immer mal wieder darauf achten, nicht zu schnell zu werden. Die Zuschauer standen hier schon dichtgedrängt und auch einige Bands sorgten für die musikalische Begleitung der Läufermassen.

Nach dem Baumwall war ein wenig Zeit zum Luftholen. An der Strecke standen weniger Zuschauer, und dann ging es auch in den Wallringtunnel hinein. Die Stimmung dort war allerdings auch sehr gut. Teilweise wurde eine Welle versucht, teilweise wurde gejohlt und geklatscht. Für die Zuschauer vor dem Tunnel sicher auch ein lustiger Anblick bzw. eine ungewöhnliche Geräuschkulisse, wenn plötzlich die Läufer/-innen für Stimmung sorgen.

Aus dem Tunnel raus wurde es dann erstmal etwas ungemütlich. An der Innenalster wehte eine frische Brise, ein starker Kontrast zur Windstille im Tunnel. Nachdem meine GPS-Uhr aber wieder Empfang hatte und ich das Tempo genauer bestimmen konnte, war ich auch schon am Jungfernstieg vorbei und bog bald auf die Lombardsbrücke zwischen Innen- und Außenalster.

So langsam hieß es, Ausschau nach meiner Begleitung halten. War der Zug pünktlich gewesen? Hatte sie es an die Strecke geschafft? Ja, da stand sie, machte fleißig Fotos und winkte mir kurz zu. Ok, den ersten Treffpunkt hatte ich geschafft. Hoffentlich würde ich später auch noch laufen und lächeln.

Kurze Zeit später passierte ich die Halbmarathonmarke. 1:54:10h. Mehr als eine halbe Minute schneller als letzte Woche in Hannover. Dabei hatte ich heute noch einmal die gleiche Distanz hinter mich zu bringen. War ich zu schnell? Ein Blick auf meinen Pulswert beruhigte mich. Alles in Ordnung, für das Tempo und die Distanz eher im niedrigen Bereich. Also erstmal weiter so. Die Zeiten waren immer noch hervorragend. Gar keine Probleme den Schnitt zu halten, und ich konnte die Stimmung und die Zuschauer genießen.

In Hamburg ist es Tradition, dass alle paar Kilometer eine Band für Stimmung sorgt. Das sind teilweise nur Zwei- oder Dreimannbands, in manchen Fällen aber auch große Spielmannszüge. Schön sind vor allem auch die Sambagruppen. Der Takt der Trommeln zieht einen häufig mit, und schon sind ein paar hundert Meter absolviert, ohne dass man die Anstrengung gespürt hat.

Doch nicht nur die Musikgruppen sind typisch für den Hamburg Marathon. Auch die Anwohner sorgen immer wieder für Highlights und helfen den Teilnehmern. Manche stellen einfach nur ihre Boxen in die Fenster und drehen die Musik laut auf. Im zweiten Teil der Strecke nehmen aber auch die privat organisierten Verpflegungsstationen zu. Mal werden Bananen geschnitten und angereicht, mal steht kistenweise Cola am Straßenrand und die Läufer werden mit einer Zucker- und Koffeindosis auf die verbleibenden Kilometer geschickt. Respekt an diese individuellen Helfer, aber natürlich auch an die vielen fantastischen und freundlichen Menschen an den offiziellen Verpflegungsstationen.

Und dann sind da ja auch noch die „paar“ Zuschauer. 800.000 waren es laut der Presse gestern wieder. Ich kann nur sagen, dass es viele waren, und dass sie überragend waren. Klatschend, jubelnd, die Namen der Teilnehmer und ein paar motivierende Worte rufend. Leider kann man als Läufer den Menschen an der Strecke meistens nicht danke sagen. Innerlich habe ich das auf jeden Fall wieder sehr oft gemacht.

Apropos Ich. Wo war ich denn eigentlich auf der Strecke? Den Stadtpark und die City Nord hatte ich bereits passiert. Bei Kilometer 30 konnte ich kurz die Zeit überschlagen. Mir blieben noch 1:18h für die verbleibenden 12,2 Kilometer. Selbst wenn ich einbrechen sollte, dann konnte ich mit einem 6er Schnitt immer noch unter vier Stunden bleiben.

Ein paar hundert Meter später stand dann auch wieder meine Begleitung an der Strecke. Ich hatte immer noch ein Lächeln auf den Lippen und Zeit für ein schnelles „Bis gleich!“.

Kurz danach ist es dann soweit. Ich erreiche den Punkt, der bisher in jedem meiner Marathonläufe aufgetreten ist. Nein, nicht der Einbruch bzw. der gefürchtete Mann mit dem Hammer. Es war der Zeitpunkt im Marathon, an dem mir klar wurde, dass ich den Lauf erfolgreich beenden würde. Klar, genaugenommen könnte ich mich immer noch verletzen. Aber ein Gefühl sagte mir in diesem Moment, dass mein Körper die restlichen Kilometer schaffen wird. Es war ein unglaublich tolles Gefühl. Der ganze Körper besteht kurzzeitig nur aus Gänsehaut und die Tränen schießen in die Augen – Pure Emotion. Das trug mich wieder ein paar Meter weiter.

Auf dem Teilstück bis Kilometer 35 nahm ich dann nicht soviel wahr. Die Strecke kam mir allerdings bekannt vor. Ich erinnerte mich, dass hier 2011 einige Läufer wegen der Hitze behandelt wurden. Dieses Jahr war es aber dankenswerter Weise viel angenehmeres Laufwetter. Mein Tempo nahm jedoch langsam ab. Dennoch sagte meine aktuelle Hochrechnung, dass ich vermutlich sogar unter 3:55h bleiben könnte. Dann baute sich die Steigung in Richtung Eppendorfer Baum vor mir auf. So manchem Läufer wurde hier bereits der Zahn gezogen. Also hieß es jetzt auch für mich, sich nochmal etwas anzustrengen. „Das wird schon“ sagte ich mir. „Gleich bist du oben, dann hast du es… Äh, Moment. Ich bin schon fertig?“ In meiner Erinnerung war die Steigung länger. Unglaublich, wie gut ich mich fühlte.

Vor der letzten Verpflegungsstelle bekomme ich dann aber doch ein kleines Warnsignal, es auf dem letzten Teil der Strecke nicht noch zu übertreiben. Beim Spurt – oder das was ich zu diesem Zeitpunkt des Rennens dafür halte – um noch ein paar Sekunden für die letzte Verpflegungsstation zu schinden, fing mein Oberschenkel an zu ziehen. Ok, das durfte er jetzt auch. Noch eine letzte Stärkung und dann waren es noch 2,2 Kilometer bis ins Ziel. Schnell am Bahnhof Dammtor vorbei und auf die letzte Steigung eingebogen.

Wie schon zu Beginn des Rennens, gab es auch am Ende noch einen kleinen Wachmacher. Schockiert bemerkte ich zwei Mitläufer, die sich auf dem Gorch-Fock-Wall über irgendetwas in die Haare bekommen hatten, und sich deshalb lautstark aufs übelste beschimpften. „Macht ihr man Jungs.“ schoss es mir durch den Kopf. Überflüssig.

Mir sagte ein Blick auf meine Uhr bei 41,5km, dass ich sogar noch unter 3:54h kommen könnte. Der Oberschenkel beschwerte sich auch nicht übermäßig, also wurde noch ein Schlussspurt angezogen.

Die letzten Meter ging es über einen roten Teppich. Der veränderte Untergrund bekam mir gut, und ich zog noch etwas mehr an. Piep, die Ziellinie war überquert, die Stoppuhr gedrückt, und die Ziffern verrieten eine unglaubliche Zeit von 3:52:56h. Quasi zufällig bin ich sogar noch unter 3:53h geblieben.

Schnell meine Medaille abgeholt und ab in die Messehalle zum Wärmen und vor allem zur Nahrungsaufnahme. Diverse Getränke, Riegel, Bananen und Salzbrezeln später, stand ich frischgeduscht und glücklich vor den Messehallen. Endlich konnte ich mich bei meinem Lieblingsfan bedanken und dann ging es mit S-Bahn und Metronom nach Hause.

Wenn mir vor drei Wochen jemand erzählt hätte, dass ich den Hamburg Marathon laufe, dann hätte ich wohl müde gelächelt. Noch in der letzten Woche in Hannover, hatte ich doch arge Zweifel an dem Gelingen dieses Unterfangens. Offensichtlich hat mir der fehlende Druck aber sehr gut getan. Dazu kam noch das kühle Wetter, und alles zusammen ergab einen wunderschönen Lauf. Der Hamburg Marathon 2014 – Schön war’s!

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