Heiser aber glücklich – Die Bayern als Außenseiter in Berlin

DFB-Pokal Finale Berlin. Das zweite Finale, bei dem ich Live dabei sein durfte. An mein erstes Endspiel hatte ich allerdings keine besonders guten Erinnerungen. Finale Dahoam, Chelsea, Drogba, der Pfosten, wieder Drogba. Außerdem war ich damals alleine im Stadion gewesen.

Das war im letzten Jahr beim Public Viewing zum Endspiel in Wembley anders. Und das Ergebnis war dann ja auch entsprechend positiv. Was sollte also schief gehen?

Die Frage am Samstag nach dem Aufwachen lautete dann eher: Was kann noch alles schief gehen? Schlimm genug, dass die Bayern in den letzten Wochen die Form und ein paar Spiele verloren hatten. In den Tagen vor Berlin dezimierte sich dann aber auch der Kader mit jedem Tag mehr. Dabei hatte ich mich am Freitag mit dem Rauswurf von Mario Mandžukić aus der Mannschaft recht schnell abgefunden. Auch die Anreise war ruhig verlaufen. Hier und da ein paar Dortmundfans am Hauptbahnhof, aber ansonsten hatte die Hauptstadt noch kein Pokalfieber.

Dann aber die Nachricht , dass David Alaba wohl auch nicht spielen könne. Das war dann der Moment, wo der Trotz einsetzte. Jetzt erst recht! Ok, dann eben ohne Alaba, Schweinsteiger, Thiago und wen noch alles. Es glaubt ja eh keiner in den Medien mehr an einen Sieg der Bayern. Diesmal waren wir der Außenseiter.

Kurz nach drei ging es dann in die Stadt zum Treffpunkt der Bayernfans. Ausstieg am Alex. Bei einem kurzen Zwischenstopp im Kaufhaus gleich mal mit Playmobil das Robbentor von 2013 nachgestellt. Dann ging es auf zum Hofbräuhaus, eine Gerstenkaltschale zur Erfrischung und dann ab sechs langsam in Richtung Olympiastadion aufmachen. Das war zumindest der Plan. Am Hofbräuhaus angekommen, waren auch im Außenbereich Plätze frei. Bei sonnigem Wetter kam sogar kurzzeitig echtes Biergartenfeeling auf, soweit das zwischen Plattenbauten möglich ist. Das Gefühl hielt aber nur ungefähr zwei Minuten. Dann war klar, dass das Hofbräuhaus zwischen 17:00-18:00 Uhr eine Stunde Pause machen würde. Dass es gerade mal 16:30 Uhr war, interessierte das Servicepersonal wenig. Kein Bier, keine Toiletten, keine Planung.

Also wieder zurück zum Alex. Dort gab es nicht nur Getränke und einen netten Biergarten, auch der kleine Leuchtturm in rot-weiß war eine willkommene Abwechslung zum Rest von Berlin. Gelbe Busse und gelbe Bahnen? Da schüttelt es einen ja beim Einsteigen 😉

Apropos Einsteigen. Das machten wir dann kurz nach sechs in die S-Bahn Richtung Olympiastadion. Das Gedränge war dabei bei Weitem nicht so groß, wie befürchtet. Trotzdem gab es wieder ein paar Auswüchse der Fankultur zu bewundern. Offen bleibt allerdings, was peinlicher war. Die beiden betrunkenen Bayernfans, oder eine Gruppe Dortmunder, die zuerst eine große Klappe riskierten, um dann kleinlaut schon Stationen vorm Stadion auszusteigen. Karten gab es nicht für jeden!

Die Stimmung vor dem Stadion war dann aber wieder erfreulich friedlich. In der Presse wurde ja davor gewarnt, dass sich die Schalker (wegen dem U-19 Finale in Berlin) und die Dortmunder, bzw. die Nürnberger (wegen den Schalkern in Berlin) und die Münchner prügeln würden. Weit und breit war keine Randale zu entdecken, entweder war gute Arbeit durch die Ordnungskräfte geleistet worden, oder es war (mal wieder) unnötige Panikmache im Vorfeld.

Eine heftigere Diskussion hatten dann allerdings zwei Dortmundfans, die mit Trikots und Pokal in Dortmundfarben in den Bayern-Fanblock wollten. Die konnten partout nicht nachvollziehen, warum das keine gute Idee war.

Das Drumherum im Stadion mit Wappen, Getanze, Ballkleider in schwarz-rot-gold war nett, aber nicht zwingend notwendig. Das wäre wohl eher eine neue Soundanlage fürs Olympiastadion. Da hatte man sich wohl am Pferdeturm in Hannover orientiert. Für nicht Ortskundige – Von den Durchsagen im Olympiastadion war, zumindest in unserem Bereich, so gut wie nichts zu verstehen. Warum die Ansagen im Spiel dann nicht auch von den jeweiligen Stadionsprechern ausgeführt wurden, war mir ebenfalls ein Rätsel. Gut, bei Norbert Dickel vielleicht nicht, der war bestimmt wieder damit beschäftigt Beleidigungen im BVB-Netradio zu verbreiten.

Unmittelbar vor der Partie gab es dann noch zwei schöne Choreographien der beiden Fanlager. Wobei man nicht direkt beurteilen konnte, ob die eigene Choreographie schön war. Sehen kann man als “Aktiver” in diesen Situationen wenig. Die Bilder am nächsten Tag entschädigten dann aber doch. Wirklich toll anzuschauen, was sich die Fans da ausgedacht hatten!

Das Spiel passte dann zu meiner Stimmung. Die Bayern waren trotzig. Statt sich in ihr scheinbar vorbestimmtes Schicksal zu ergeben, hatte die Mannschaft eine kleine Zeitreise unternommen. Zumindest 10 Minuten lang. Da erinnerte der Auftritt an die Dominanz der ersten 27 Bundesliga-Spieltage. Doch Müller und Robben nutzen die ersten Chancen nicht, und so verflachte das Spiel nach der Anfangsphase zusehend. Dass man zwischenzeitlich mit zehn Spielern spielte und Philipp Lahm schließlich nach einer halben Stunde raus musste nahm ich eher gleichgültig hin.

Dortmund hatte sich bisher gar keine Chancen erspielen können. Einzig Herr Meyer blieb ein ständiges Ärgernis. Jede 50-50 Entscheidung sprach er für Dortmund aus, und dass die BVBler gelbe Trikots anhatten war ihm anscheinend genug, gelbe Karten zeigte er jedenfalls nur einseitig. Wobei ich durchaus einräumen möchte, dass meine Beurteilung der Zweikämpfe per se subjektiv war. Aus gefühlten 150 Metern Abstand war dazu die Sicht auch nicht immer ideal.

Zur Halbzeit war man sich im Block einig. Spielen die Roten in den blau-roten Trikots so weiter, holen sie das Double. Vor allem mein Spezi Martinez hatte mich begeistert. Endlich durfte er wieder zeigen, warum er letzte Jahr der entscheidende Puzzlestein beim Gewinn des Triple war. Als verkappter Libero hatte er bisher hinten für Ruhe gesorgt und gefühlt jeden Zweikampf für sich entschieden. Einen Kampf hatte ich selber allerdings schon haushoch verloren. Spätestens ab der zwanzigsten Minute war meine Stimme deutlich heiser geworden.

Für die zweite Hälfte erwartete ich aber auch, dass Klopp sein Team etwas umstellen würde. Schließlich hatten die Dortmunder sich in den letzten Jahren nie kampflos ergeben. Das passierte dann auch, allerdings weniger erfolgreich, als befürchtet. Torchancen gab es erstmal für beide Seiten nicht.

So regte ich mich mal wieder über Herrn Meyer auf – angebliche Schwalbe von Höjbjerg, selbstverständlich direkt gelb – als auf dem Platz etwas Unruhe entstand. Was allerdings Kloppo und seine Jungs genau wollten, war für keinen in unserem Block erkennbar. Stichwort 150 Meter zum Spielfeld. Ein wirklicher Unterschied zum Rest des Spiels bestand auch nicht, fuchtelte und gestikulierte der Jürgen doch gefühlt eigentlich permanent am Rande seiner Coachingzone herum. Allerdings dirigierte auch der Pep über 120 Minuten stehend an der Seitenlinie. Vermutlich waren die Anweisungen Guardiolas aber hauptsächlich für seine Spieler gedacht, und weniger als Anregung für den Spielleiter. Doch ich drifte ab.

Gesangtechnisch standen die Fanblöcke dem Geschehen auf dem Rasen in nichts nach, ein gerechtes Unentschieden bisher. Zwar war aus dem Dortmunder Block oft ein konstantes Grundbrummen zu vernehmen, aber die Gesänge aus dem Bayernlager waren kaum weniger zahlreich und als Beteiligter natürlich gefühlt wesentlich lauter.

Echte Highlights bekamen wir im restlichen Verlauf der neunzig Minuten nicht mehr dargeboten. Ich fand es allerdings bemerkenswert, dass es Herr Reus schaffte, sich auch mit 150 Metern Abstand bei mir immer unsympathischer zu machen. Erstaunliche Leistung! Zumindest weiß ich jetzt, wie es den Fans anderer Vereine manchmal mit Robben geht.

Irgendwie war ich froh, dass es in die Verlängerung ging. Mein Eindruck war, dass die Bayern in den weiteren 30 Minuten einen Treffer erzielen könnten. Dem BVB traute ich kein Tor zu, ein Elfmeterschießen galt es aber auf jeden Fall zu vermeiden. Da hatte ich dann doch eher 2012, als 2013 im Hinterkopf.

Was Herr Neuer manchmal im Hinterkopf hat, ist mir unbekannt, aber er hat auf jeden Fall immer einen hübschen Fehlpass im Köcher. Selbigen (den Fehlpass, nicht den Köcher), spielte er dann direkt zu Beginn der Verlängerung. Zumindest hatte er so sichergestellt, dass keiner im Stadion einschlafen konnte. Auch der gute Franck war nicht eingeschlafen sondern ausgepumpt, hatte er doch nicht wie geplant nur eine Halbzeit gespielt, sondern knapp 75 Minuten lang Philipp Lahm ersetzt. Zumindest kämpferisch hatte der Franzose seine Krise überwunden.

Tja, und dann kam die zweite Hälfte der Verlängerung. Zusammen mit Martinez war Robben bereits bis zu diesem Zeitpunkt der beste Bayernspieler. Er war in meinen Augen überhaupt der Einzige, der in den letzten Wochen Normalform erreicht hatte. Und dann waren da die ganzen Geschichten um Arjen, Finalspiele, den BVB, Subotic, Weidenfeller. Auf jeden Fall wollte ich keinen Elfmeter Robben gegen Weidenfeller. Den gab es dann auch nicht. Wer den Ball gegen Großkreutz erobert hatte, war mir egal. Ich sah das Leder nur quer durch den Strafraum fliegen, und dann schoss der Arjen den Roman wieder an, doch der Ball prallte diesmal ins Tor. Die Erleichterung über die Führung war kaum zu beschreiben. Während Robben im Vollsprint in Richtung Fankurve rannte, bestand diese  nur mehr aus hüpfenden, jubelnden, weiß-roten Menschen.

Jetzt hieß es nicht dauernd auf die Uhr schauen. Schwer zu schaffen, wenn von den Seiten immer nach der verbleibenden Spielzeit gefragt wird. So zog sich der Rest der Verlängerung wie ein zähes Kaugummi dahin. Unterbrochen fast vom 2:0 und ständig begleitet vom Stolz auf die Mannschaft. Wenn sich die Jungs mit Krämpfen über den Platz schleppen konnten, dann mussten auch meine Stimmbänder noch ein wenig leiden.

Was ich gedacht habe, als Herr Meyer dann 4(!) Minuten Nachspielzeit fasse ich mal mit „überfordert“ zusammen. Vielleicht hatte auch der vierte Offizielle die Szene mit dem Kopfball von Hummels irgendwo gesehen, und versuchte eine Fehlentscheidung durch eine andere wieder zu korrigieren.

Letztlich war es egal. Müller schleppte sich in Zeitlupe Richtung BVB-Tor und als der Ball zur Entscheidung ins Netz rollte, war endgültig Ramba-Zamba angesagt. Der Rest des Abends verlief dann wie im Film. Pokalübergabe, Feuerwerk und goldener Regen, die Bierduschen vor der Kurve, Robben & Martinez „stehlen“ den Pott, Dante führt die Polonaise an und der Fußballgott betätigt sich als Vorsänger und Fahnenschwenker. Ein schöner Tag endet mit einer perfekten Feier!

Den Pokal mit BVB-Emblem habe ich nach dem Spiel übrigens wiedergesehen. Er lag in einer Ecke am Boden, die Luft war raus. 

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